22. September 2026

Nachlese: 10. TICT-Talk

Migration im Tourismus: Zwischen Fachkräftemangel und Vielfalt

Nachbericht zum 10. TICT-Talk

Migration wird im Tourismus häufig in erster Linie als mögliche Antwort auf den Fachkräftemangel diskutiert. Beim 10. TICT-Talk des Travel Industry Club Tourismus wurde deutlich: Diese Betrachtung greift zu kurz. Migration ist längst Teil der Realität des österreichischen Tourismus – und damit stellt sich weniger die Frage, ob die Branche Migration braucht, sondern vielmehr, wie sie damit umgeht und welche Chancen sie daraus entwickelt.

Gemeinsam mit den Naturfreunden Internationale / RESPECT widmete sich der TICT-Talk daher den Zusammenhängen zwischen Migration, Arbeitsmarkt, Integration und Vielfalt. Mit Prof. Dr. Nicole Häusler, Professorin für Tourismusmanagement an der IU International University of Applied Sciences und Vorstandsmitglied des Zentrums für nachhaltigen Tourismus (ZENAT), sowie Michaela Stanciu, HR Business Partnerin im magdas Hotel Wien, trafen dabei wissenschaftliche Perspektive und konkrete betriebliche Praxis aufeinander.


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Tourismus ist längst eine Migrationsbranche

Gleich zu Beginn rückte Nicole Häusler die Dimension des Themas zurecht: 59 Prozent der Beschäftigungsverhältnisse in Österreichs Beherbergung und Gastronomie entfallen auf nicht-österreichische Staatsangehörige. Migration ist damit keine Randerscheinung und auch kein Zukunftsszenario, sondern längst ein struktureller Bestandteil der Branche.

Entscheidend sei deshalb ein Perspektivenwechsel: weg von der ausschließlichen Frage, wie Migration den Personal- und Fachkräftemangel lösen kann, hin zur Frage, wie eine bereits stark migrationsgeprägte Branche gestaltet werden soll.

Dabei ist auch eine differenzierte Betrachtung notwendig. „Migrantinnen und Migranten“ bilden keine homogene Gruppe. Saisonarbeitskräfte, Pendelmigrant, dauerhaft Zugewanderte, Geflüchtete oder Menschen, die aus Bildungs- und Berufsgründen ihren Lebensmittelpunkt verlagern, bringen unterschiedliche rechtliche Voraussetzungen, Erfahrungen und Bedürfnisse mit. Ebenso muss zwischen einem allgemeinen Arbeitskräftemangel und einem tatsächlichen Fachkräftemangel unterschieden werden.

Vom Defizitblick zu den vorhandenen Kompetenzen

Ein zentraler Aspekt des Talks war die Frage, wie die Kompetenzen von Menschen mit Migrationsbiografie wahrgenommen und genutzt werden. Häufig richtet sich der Blick zunächst darauf, was vermeintlich fehlt: Deutschkenntnisse, formal anerkannte Abschlüsse oder Erfahrung mit den gewohnten betrieblichen Abläufen.

Prof. Häusler plädierte dafür, diese Perspektive umzudrehen: Was bringen Menschen bereits mit? Berufliche Erfahrung, Mehrsprachigkeit, interkulturelle Kompetenz, persönliche Netzwerke und unterschiedliche Lebens- und Arbeitserfahrungen können für touristische Unternehmen einen erheblichen Mehrwert darstellen.

Gerade für eine international ausgerichtete Branche können daraus neue Möglichkeiten in der Gästebetreuung, neue Produkte und Erlebnisse, ein besserer Zugang zu unterschiedlichen Zielgruppen und zusätzliche Impulse für Innovation entstehen. Vielfalt wird damit nicht nur zu einer Aufgabe des Personalmanagements, sondern kann auch für die Destinations- und Produktentwicklung relevant werden.

Gleichzeitig wurde auf ein bestehendes „Qualifikationsparadox“ hingewiesen: Selbst hochqualifizierte Menschen beginnen nach einer Migration oftmals in Tätigkeiten weit unterhalb ihrer ursprünglichen Qualifikation und haben Schwierigkeiten, entsprechende Karrierewege einzuschlagen. Anerkennung von Kompetenzen, faire Arbeitsbedingungen und reale Entwicklungsmöglichkeiten sind daher wesentliche Voraussetzungen für nachhaltige Integration.

magdas Hotel: Integration in der betrieblichen Praxis

Wie dies konkret funktionieren kann, zeigte Michaela Stanciu anhand des magdas Hotel in Wien. magdas wurde als Social Business der Caritas Wien gegründet und verfolgt das Ziel, soziale Herausforderungen mit unternehmerischen Mitteln zu lösen.

Heute beschäftigt das magdas Hotel 49 Mitarbeiter aus 20 Ländern, mehr als 60 Prozent von ihnen haben oder hatten einen erschwerten Zugang zum österreichischen Arbeitsmarkt. Seit der Eröffnung 2015 haben mehr als 100 Menschen mit Fluchthintergrund im Hotel ihre berufliche Laufbahn begonnen. Als Lehrbetrieb bildet magdas außerdem gezielt junge Menschen aus; aktuell sind zwölf Lehrlinge im Unternehmen tätig.

Dabei zeigte Stanciu auch, dass erfolgreiche Integration nicht automatisch mit der Einstellung eines Menschen abgeschlossen ist. Deutschkurse, Weiterbildungen, Coachings, Workshops und eine eigene Sozialberatung sind wesentliche Bestandteile des Modells. Diese Unterstützung reicht von beruflichen Fragestellungen über Amtswege und Aufenthaltstitel bis hin zu persönlichen Herausforderungen.

Auch kulturelle Unterschiede und Konflikte gehören zur betrieblichen Realität. Entscheidend ist der aktive Umgang damit. Aufklärungsarbeit, Gespräche, Coaching und gegenseitiges Verständnis haben im magdas Hotel dazu beigetragen, ein Arbeitsumfeld zu schaffen, in dem Menschen unterschiedlichster Herkunft gemeinsam arbeiten und sich entwickeln können.

Integration braucht mehr als einzelne engagierte Betriebe

In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass diese Aufgabe nicht allein bei den Tourismusbetrieben liegen kann. Gerade kleinere Unternehmen verfügen kaum über die Ressourcen, eigene Sozialberatung, umfassende Sprachförderung oder professionelle interkulturelle Begleitung anzubieten.

Umso wichtiger sind funktionierende Unterstützungsstrukturen und Kooperationen mit Beratungsstellen, Initiativen, Bildungseinrichtungen und öffentlichen Institutionen. Mentoring, mehrsprachige Einarbeitung, interkulturelle Trainings für beide Seiten und klar definierte Entwicklungsmöglichkeiten können wesentlich dazu beitragen, Integration langfristig erfolgreich zu gestalten.

Gleichzeitig braucht es mehr Forschung. Viele Fragen – etwa zu Karrierewegen migrantischer Beschäftigter, zur Anerkennung vorhandener Kompetenzen oder zum Potenzial vielfältiger Teams für touristische Produkte und Destinationen – sind bislang nur unzureichend untersucht.

Migration als Teil der Transformation des Tourismus

Eine zentrale Aussage zog sich durch den gesamten TICT-Talk: Migration ist nicht nur die Lösung eines Personalproblems, sondern Teil eines umfassenderen Transformationsprozesses im Tourismus.

Eine Branche, deren Belegschaften längst international geprägt sind, muss sich daher intensiver damit beschäftigen, wie aus Beschäftigung tatsächliche Teilhabe wird. Dazu gehören faire Arbeit und Entlohnung ebenso wie die Anerkennung vorhandener Kompetenzen, Sprachförderung, interkulturelles Verständnis und echte Karriereperspektiven.

Gelingt dies, kann Vielfalt weit mehr sein als eine Reaktion auf fehlende Arbeitskräfte. Sie kann zu einer vielfältigeren, resilienteren und innovativeren Tourismusbranche beitragen.

Der vollständige 10. TICT-Talk „Migration im Tourismus – Zwischen Fachkräftemangel und Vielfalt“ steht in der Videothek des Travel Industry Club Tourismus auf YouTube zur Verfügung.


Prof. Dr. Nicole Häusler ist Professorin für Tourismusmanagement an der IU International University of Applied Sciences in Hamburg und Honorarprofessorin an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde. Seit über 25 Jahren beschäftigt sie sich international mit nachhaltigem Tourismus, gesellschaftlicher Transformation und Destinationsentwicklung. Ein besonderer Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf den Zusammenhängen von Tourismus und Migration.

Michaela Stanciu ist HR Business Partnerin im magdas Hotel in Wien und Lehrlingskoordinatorin für magdas Hotel und magdas Essen. In ihrer täglichen Arbeit begleitet sie Personalentwicklung, Recruiting und Ausbildung in einem Unternehmen, das Vielfalt und Integration gezielt in die betriebliche Praxis integriert.

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